Warum erinnern wir uns vorwärts und nicht rückwärts?

Pfad-Warum erinnern wir uns vorwärts und nicht rückwärts

Warum laufen Erinnerungen auf dem Pfad unseres Lebens vorwärts ab?

Kennst Du das? Du sitzt irgendwo, zum Beispiel in einem Cafe und hängst Deinen Gedanken über ein Ereignis von vor ein paar Tagen nach während Du das drum herum schon längst vergessen hast. Auf einmal fragt Dich Dein gegenüber: „Woran denkst du?“ Und noch während Du anfängst zu antworten: „Letzte Woche war ich doch im Park spazieren und auf einmal …“ Ja, und auf einmal wird Dir klar: Du schaust auf das Ereignis im Park zurück, Du weißt, wie es ausgeht, aber du erzählst die Handlung vorwärts. Klar, Du willst Deinem Zuhörer die Spannung erhalten, doch die Erinnerung läuft auch für Dich in Deinem Kopf vorwärts ab.

Wenn ich an Ereignisse in meinem Leben zurückdenke, mich also an etwas Bestimmtes erinnern will, sehe ich entweder einzelne Momentaufnahmen oder filmähnliche Sequenzen. Filme, die vorwärts laufen, nicht rückwärts. Wenn ich mir mein Leben wie einen Weg oder Pfad vorstelle, auf dem ich immer vorwärts gehe und nun zurückschaue, warum sehe ich dann zurückliegende Ereignisse nicht rückwärts, sondern vorwärts? In Gedanke kann ich den Pfad zurückgehen. Ich käme also zuerst an dem Ausgang eines Ereignisses, einer Handlung oder eines Konfliktes vorbei, gefolgt von der Handlung selbst und dann wiederum gefolgt vom Beginn dieser Handlung, oder? Aber wenn ich die Ereignisse auf dem Lebenspfad als Erinnerung erneut durchlebe, bewege ich mich auf dem Pfad wieder vorwärts. Ich erlebe eine vorwärtslaufende Erinnerung. Warum?

Ich bin freilich nicht die erste, die sich das gefragt hat. 1887 hat der englische Philosoph Francis Herbert Bradley (30.1.1846 – 18.9.1924) einen Artikel mit dem Namen „Why do we remember forwards and not backwards?“ herausgegeben. Nach ihm ist die Erinnerung aus dem Grund immer nur vorwärts, weil die biologische Funktion des Gedächtnisses dem Menschen keine andere Wahl lässt. Um zu überleben müssen, nach Bradley, unsere Gedanken auf Erwartungen gerichtet sein. Also vorwärts in dem Sinne, dass wir wissen welche Handlungen zu unseren Erwartungen führen. Auch für den niederländischen Psychologieporfessor Douwe Draaisma (*1953) scheint dieser Ansatz zur Beantwortung der Frage „Warum erinnern wir uns vorwärts und nicht rückwärts?“ schlüssig zu sein. In seinem sehr zu empfehlenden Buch “Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird” (2004) widmet er dieser Fragestellung ein ganzes Kapitel.

Mit dem oben genanntem Sprachbild steht man also mit dem Gesicht immer vorwärts, in Richtung Zukunft gerichtet, auf dem Pfad. Alles Erlebte und die Erinnerung daran dient uns nur für die Zukunft. Sie dient dazu abzuschätzen was uns passieren kann und in Situationen, die wie bereits ähnlich erlebt haben, dazu entweder vorauszusehen wo sie uns hinführt oder sie zu unseren Gunsten zu beeinflussen. Auch die Situation, die wir gerade erleben, erleben wir vorwärts. Wir sind mitten in der Handlung. Zum direkten Vergleich eignet sich also eine Erinnerung besser, die in die chronologisch dieselbe Richtung läuft, wie die, die wir gerade erleben.

Beim Erinnern sieht man einzelne Szenen oder Ereignisse. Diese Ereignisse laufen auch in der Erinnerung vorwärts ab. Man erinnert sich an die Reihenfolge der einzelnen Handlungen in diesem Ereignis in genau dieser Reihenfolge, weil sie so geschehen sind. Das Gedächtnis folgt der Richtung der Ereignisse, also vorwärts.

Sich etwas rückwärts vorzustellen erfordert mehr Denkleistung als vorwärts. Tatsächlich ist sich etwas rückwärts vorstellen eben eine Vorstellung, eine Leistung des Vorstellungsvermögens und somit keine Erinnerung im Gedächtnis. Man kann natürlich Ereignisse rekonstruieren, wie zum Beispiel Tathergänge in Krimis. Die Ermittler versuchen herauszubekommen wie eine Tat abgelaufen ist, was ihr voraus ging. Allerdings werden auch dort einzelne Szenen und Fakten aneinander gereiht und am Ende kommt ein vorwärts laufender Tathergang heraus. Natürlich kann man sagen: Z ist die Folge und davor geschah Y und davor X und dazu führte W … Aber so herum betrachtet sind Z,Y,X und W einzelne Szenen, zu denen man durch rückwärts springen auf dem Pfad gelangt. Bei der Betrachtung von X läuft die Szene wieder vorwärts ab.Es ist schwieriger sich einen Tathergang rückwärts als flüssigen Film im Kopf vorzustellen. Es kommt einem auch definitiv unnatürlich vor sich vorzustellen, wie sich das Blut in die Leiche zurückzieht, die Leiche wieder aufwacht, sie aufsteht, sich womöglich verteidigt und sich dann rückwärts vom Tatort entfernt, ebenso wie der Täter, alle möglichen Dialoge natürlich rückwärts ablaufend, das Opfer „efliH“ rufend und nicht „Hilfe“.

Rückwärts laufende Filme haben oft etwas unnatürliches an sich, das uns entweder etwas demonstrieren soll oder das uns magisch vorkommen kann. Zum Beispiel, wenn von einer Zeichnung nach und nach die Linien wieder im Stift verschwinden und am Ende ein makellos weißes Blatt Papier und ein gefüllter Stift zurück bleiben. Die Faszination für solche rückwärts laufenden Aufnahmen liegt gerade darin, dass man weiß, dass das Geschehen der Welt so nicht abläuft und man solche Szenen außerhalb eines Bildschirmes wohl nie zu sehen bekommen wird. Die Zeit läuft für uns nun einmal immer nur in eine Richtung, die wir „vorwärts“ nennen.

Die Frage für ein nächstes Mal wäre also: Warum läuft die Zeit für uns nur vorwärts oder ist auch das eine Illusion?

Silberne Grüße,
Runa

One Reply to “Warum erinnern wir uns vorwärts und nicht rückwärts?”

  1. Jana

    Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht, aber sehr interessantes Phänomen! Und schon so lange erforscht! Toll, dass du das Thema aufgreifst! Ist mal was ganz anderes in der Bloggerwelt! Zumindest den Bereich, den ich davon kenne!
    Gute Nacht (mal schauen, ob ich vorwärts träume)!
    Jana

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